Anna Bernabei – eine Berner Pionierin

Interview: «Anna Bernabei – eine Berner Pionierin»
Quelle: Yogis› Choice, 30.09.2019 / Sandrine (Porträts)

Anna Bernabei – eine Berner Pionierin

Liebe Anna, was ist Deine Daily Asana?

Ich starte jeden Tag mit einer stillen Meditation. Hierfür stelle ich mein Meditationskissen bereit, setze mich in den Fersensitz und hülle mich in mein seidiges Yogatuch ein. Den Wecker stelle ich auf 22 Minuten. Warum 22 Minuten? Damit ich nach dem Einrichten und innerlichen Einstellen sicher auf 20 Minuten reine Meditationszeit komme. Da bin ich etwas pingelig, aber es hat sich für mich bewährt.

Der tägliche Entscheid zum Meditieren ist für mich jedes Mal eine Willenssache. Wenn es mir während der Meditation jedoch gelingt in den Zustand der Beobachterin hinein zu gleiten, löse ich mich so gut es geht von jeglichem Wollen.

Ich kann heute für mich sagen, dass mich meine regelmässige Meditation stabilisiert und Ordnung in meinem Geist schafft.


Wo in Deinem Leben findest Du Anknüpfungspunkte zu Deinem Verständnis von Yoga?

Durch die vielen Jahre Yogaunterricht habe ich mich und die Menschen besser kennengelernt. Vor längerer Zeit hörte ich mal jemanden sagen: «Wenn du mehr über dich erfahren willst, beobachte wie dein Gegenüber auf dich reagiert und wenn du mehr über dein Gegenüber erfahren willst, beobachte wie du reagierst.» Hört sich etwas überspitzt an, aber ich finde da ist etwas Wahres dran. Ich persönlich reflektiere recht viel, sei es über mich, sei es über andere, manchmal auch etwas zu viel. Dabei passiert es, dass ich in Bewertungsmuster hineinfalle oder meinen Triggerpunkten viel Raum gebe. Das ist nicht weiter schlimm, denn ich merke es heute viel schneller und es gelingt mir zunehmend leichter, mich bewusst wieder zu neutralisieren.


Wie kam Yoga zu Dir und wie kamst Du auf die Idee eine Yogalehrerausbildung zu machen?

Seit meiner Kindheit empfand ich eine besondere Liebe zur Bewegung. Ich wollte mehr wissen über die Zusammenhänge zwischen den körperlichen, gedanklichen und emotionalen Prozessen. Einzelne Schlüsselerlebnisse haben diese Neugier genährt. Ein Beispiel: Als ich mit 20 Jahren in Amerika zum ersten Mal Baseball spielte, passierte etwas Erstaunliches: Ich traf jeden Ball, der mir zugeworfen wurde auf Anhieb. Meine geübten Mitspieler*innen waren überaus erstaunt darüber und es fiel ihnen schwer zu glauben, dass ich vorher nicht ein einziges Mal mit dieser Sportart in Berührung gekommen war. Als in mir dann der Gedanke aufkam, dass diese Treffsicherheit nicht von Dauer sein kann, traf ich in der Folge kaum noch einen Ball. Mein Geist war von nun an von zweifelnden Gedanken abgelenkt.

Mit dem Entscheid zur Ausbildung als Yogalehrerin an der Yoga University in Villeret im Jahr 1995, begann ich gezielt und bewusst, mich mit den Gesetzmässigkeiten von Körper und Geist auseinanderzusetzen.


Seit über 20 Jahren führst Du das Studio BODY & MIND in Bern. Erzähl uns, wie das vor 20 Jahren war als Du Dein Yogastudio eröffnet hast und wie es sich entwickelt hat. Wer waren die Yogis und Yoginis von damals? Wer sind sie heute?

Vor der Eröffnung meines Yogastudios im Jahr 1998 unterrichtete ich während meiner Ausbildung an der Yoga University in Villeret in einem Frauenfitnesscenter und im Madras Yoga Studio. Das Madras Yoga Studio habe ich Anfang 1998 übernommen, liess es komplett umbauen und gab ihm den heutigen Namen BODY & MIND. Ich war mir des Risikos sehr wohl bewusst, dass das ganze investierte Geld verloren gehen könnte, wenn die Teilnehmenden mit der Zeit nicht mehr kommen würden und das Interesse für Yoga allgemein schwinden würde. In den neunziger Jahren war es für mich jedenfalls völlig ungewiss, in welche Richtung das Pendel ausschlagen würde. Wird das Interesse für Yoga zunehmen, abnehmen oder gleich bleiben? Yoga war zu dieser Zeit niemals so «in» wie heute. Zum Glück hat es sich gelohnt, das ganze Geld und mein ganzes Herzblut in das Unternehmen investiert zu haben. Die allergrösste Unterstützung mich selbständig zu machen, erhielt ich damals von meinem Lebenspartner Bruno und dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.

Das Angebot für Yoga war in Bern damals gering. Ich war vermutlich die erste, die täglich offene Yogastunden anbot. Männer waren noch sehr spärlich in den Kursen vertreten. Das hat sich über die Jahre jedoch geändert.

Ich denke Yoga galt vielfach als etwas Geheimnisvolles, etwas Esoterisches. Heute hat sich die Wahrnehmung von Yoga deutlich verändert. Früher war es meistens üblich, dass die Yoga Philosophie ein fester Bestandteil der Stunden war. Heute nehme ich wahr, dass der Fokus viel stärker auf dem Körperlichen liegt. Kurzerhand könnte man sagen, dass Yoga unglaublich viel beinhaltet, heute jedoch gewissermassen oberfläch geworden ist. Ein Teil findet das etwas schade und ein anderer Teil von mir findet das aber absolut okay, wenn Menschen sich rein für die Körperübungen interessieren.

Ein wichtiger Grundgedanke zur Yogapraxis stammt von Krishnamajaria: Yoga soll sich dem Menschen anpassen und nicht der Mensch dem Yoga. Besser könnte man es nicht sagen!

Damals wie heute kommen die Menschen mit der Absicht zu mir ins Studio, sich besser zu spüren, mehr bei sich zu sein, für mehr Wohlbefinden im Körper, tieferen Atem und für mehr Ruhe im Kopf.

Das ist aus meiner Sicht unverändert geblieben.


Wie hat Yoga Dich und Deinen Unterrichtsstil über die Jahre verändert?

Yoga hat mir meine Selbstständigkeit ermöglicht. Auf eigenen Füssen zu stehen und Verantwortung zu übernehmen, das waren für mich damals noch ziemlich schwierige Themen. Durch zahlreiche Weiterbildungen u.a. in der Atemtherapie, Psychologie, Psychosomatik, Feldenkrais-Methode und nicht zuletzt durch die vielen interessanten Gespräche mit meinem Lebenspartner Bruno, hat sich mein Unterrichtsstil mit dem dazugekommen Wissen und den neu gemachten Erfahrungen laufend weiterentwickelt und verändert.

Zu Beginn meiner Laufbahn liess ich meine humorvolle Seite jeweils draussen vor der Türe. Heute nehme ich sie mit ins Studio.

Ich war übrigens nie ein Fan von allzu schweisstreibendem Yoga. Ich unterrichte grundsätzlich ruhiges Yoga und trotzdem dürfen Stellungen auch mal fordernd sein, gern auch mit Flow-Elementen. Nachspürphasen sind für mich ein wichtiger Bestandteil der Yogapraxis. Ich leite die Asanas so an, dass man in den jeweiligen Posen nicht nur mit der äusseren Form beschäftigt ist, sondern auch die Möglichkeit hat, sich den empfindungsmässigen und energetischen Veränderungen bewusst zu werden. Ich leite die Yogaübungen gerne vorwiegend mündlich an und zeige die Asanas nur wenn nötig vor. Ich bin hier sicherlich auch massgeblich vom Unterrichtsstil der Feldenkrais-Methode geprägt.


Erzähl uns etwas über Feldenkrais?

Feldenkrais ist eine körperorientierte Lernmethode, auch «Bewusstheit durch Bewegung» genannt. Diese Methode gibt uns die Möglichkeit, auf organische Weise unseren Körper in einer Bewegung besser zu organisieren.

Moshé Feldenkrais, Physiker und Judolehrer, hat die Methode in den 1950er Jahren entwickelt.

Feldenkrais beabsichtigt wie Yoga über Haltung und Bewegung Einfluss auf Gedanken und Gefühle zu nehmen. Für mich lautet der wichtigste Kernsatz im Feldenkrais:

«Erst wenn Bewegung, Denken, Wahrnehmung und Gefühle kongruent zueinander sind und somit nicht widersprüchlich, handeln wir authentisch.»
Moshé Feldenkrais

Ein Beispiel dafür, wann wir authentisch sind: Wenn wir aus dem Herzen handeln.


Wie sieht eine Feldenkraisstunde bei Dir aus?

In den Gruppenlektionen führe ich die Teilnehmenden durch eine Abfolge kleiner Bewegungssequenzen, die im eigenen Tempo, Rhythmus und Ausmass erforscht werden können.

Feldenkraislektionen werden nur verbal angeleitet und es gibt bewusst kein Vorzeigen. Damit wird vermieden, dass die Teilnehmenden durch irgendeine äussere Form beeinflusst werden. Hierbei geht es weder um «richtig» oder «falsch», sondern um die Art, wie die Bewegungsanregungen gehört und individuell umgesetzt werden. Feldenkrais zeigt auf, wie wir mit neuen Situationen umgehen, wie wir unsere Grenzen würdigen und unsere Bewegungsmöglichkeiten ausweiten können.

Im Gegensatz zum Yoga geht es im Feldenkrais um Bewegungen, die mit dem Alltag, dem Beruf und dem Hobby zusammenhängen.


Wer inspiriert Dich immer wieder?

Aus der modernen Yogawelt inspiriert mich Anna Trökes. In ihren Büchern wiederspiegelt sich auch meine Auffassung von Unterricht und Einstellung zum Yoga.

Aus der traditionellen Yogawelt inspiriert mich vor allem T.K.V. Desikachar, einer der Söhne von Krishnamacharya. T.K.V. Desikachar ist der Begründer des Viniyoga. Aus meinem Verständnis heraus ist das eine Art von Yoga, die, was die Körperübungen betrifft, der Feldenkrais-Methode sehr ähnlich ist.


Wenn Du eine Auszeichnung für eine besondere Fähigkeit/Gabe bekommen würdest, welche müsste dazu erfunden werden?

Vielleicht das Erfinden von sinnlosen Wortumkehrungen, die ich manchmal benutze, wie unterdrücken / überstossen, Stillstand / Lautliegen, Abdruck / Aufzug.

Danke liebe Anna für das Gespräch.